Interview von Pascal Richter mit Claudius Naumann, jahrzehntelanger ver.di-Vertrauensmann an der Freien Universität Berlin. Eine Kurzfassung des Interviews erschien in der jungen Welt.

Lieber Claudius, heute endet mit Deinem Renteneintritt ein langer Abschnitt an der Freien Universität. Wie lange warst Du an der FU beschäftigt und welche Verbindung hattest Du schon zuvor zur Universität – etwa als Student?

Die Stelle im Institut für Iranistik, auf der ich bis gestern gearbeitet habe, habe ich seit 1995 innegehabt. Aber mit der FU verbunden war ich mit wenigen Unterbrechungen praktisch mein ganzes Erwachsenenleben, seit ich 1981 – also vor 45 Jahren – zum Studium an der FU in das damalige Westberlin kam, um das Hauptfach Osteuropäische Geschichte sowie die Nebenfächer Politik und Ethnologie zu studieren. Letztere ersetzte ich dann 1985 aus Interesse für das sowjetische Mittelasien mit dem zweiten Hauptfach Iranistik. Bei der Iranistik war ich in den 90er Jahren zuerst als studentische Hilfskraft tätig, dann zeitweise prekär über Werkverträge und bekam dann 1995 eine feste Stelle als „Angestellter in der EDV“, wie es damals hieß.  

Was war Deine Arbeit?

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre begannen in Verwaltung und Wissenschaft PCs die Schreibmaschinen abzulösen. Im Vergleich zu heute waren Hard- und Software noch recht primitiv, meist ohne graphische Oberflächen und mit Programmen unter DOS, wem das noch etwas sagt. Andererseits waren die Anforderungen in den „Orchideenfächern“ wie Iranistik, Arabistik, Turkologie usw., wo man sich mit vielen toten und lebendigen Sprachen und Schriften beschäftigt, sehr komplex. Die damaligen Informatikprofis kannten sich mit den orientalistischen Bedürfnissen nicht aus und umgekehrt kannten sich die wissenschaftlich Arbeitenden mit der PC-Technik meist nicht aus. Ich hatte mir als Student schon in den 80ern einen 286er PC angeschafft und mich in diese Probleme „reingehängt“, so dass ich zuerst schnell zum berühmten „Einäugigen unter den Blinden“ wurde und durch die Mitarbeit bei verschiedenen Projekten meine Kenntnisse vertiefen konnte, v.a. bei Langzeitprojekten zur Erstellung kurdischer Wörterbücher und dann bei Redaktion und Satz der Bücher der vom Institut herausgegebenen wissenschaftlichen Reihe, eine Arbeit, die ich bis gestern gemacht habe, als ich die letzte Druckvorlage abgeliefert habe. Da es damals noch keinen relevanten IT-Support für die Bereiche gab, war ich anfangs für alle IT-Fragen zuständig, vom Kauf der Geräte bis zur ersten Inhousevernetzung.

Ich hatte persönlich großes Glück mit einer interessanten Arbeit an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und IT, die mir aber auch exemplarisch zeigte, wie unsinnig die Spaltung, um nicht zu sagen die Hierarchisierung zwischen „WiMis“ (Wissenschaftliche Mitarbeiter/innen) und „SoMis“ („Sonstige Mitarbeiter/innen“ , wie sie im früheren Sprachgebrauch genannt wurden) war und ist. Es gibt nicht „wichtige“ und „unwichtige“ Beschäftigte; alle sind notwendig für das Funktionieren unseres Betriebs.

Du hast die Freie Universität über viele Jahrzehnte erlebt – als Beschäftigter, Gewerkschafter und Interessenvertreter. Wenn Du auf diese Zeit zurückblickst: Was hat sich aus Deiner Sicht am stärksten verändert?

Das ist eine schwierige Frage für mich, da ich über die Jahrzehnte verschiedene Rollen innehatte. Zudem befand sich mein Institut bis 2014 in einer der berühmten „Dahlemer Villen“, wo man zwar einen engen Zusammenhalt mit den unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen hatte, aber ziemlich isoliert war vom Rest der Universität. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar seit 1982 Gewerkschaftsmitglied bin (zuerst GEW und dann ötv/ver.di), aber erst 2007 anlässlich der Ehrung zu meiner 25-jährigen Mitgliedschaft in der Betriebsgruppe aktiv geworden bin, nachdem ich die damals Aktiven kennengelernt hatte. Zuvor hatte ich außer Einladungen zu Versammlungen von der Gewerkschaft nichts mitbekommen. Das zeigt, wie wichtig die persönliche Ansprache der Beschäftigten durch die gewerkschaftlichen Vertrauensleute ist.

Aber zurück zur Frage. Die FU ist ein Kind des kalten Krieges und des „alten“ Westberlins mit seinem spezifischen „Filz“, was man teilweise bis heute  strukturell und personell sehen kann, wenn man sich z.B. die Verhältnisse in der Veterinärmedizin auf dem „Rittergut“ Düppel oder in der zentralen Verwaltung anschaut. Da hat sich nicht viel verändert. Was sich von meinen Erfahrungen her geändert hat, ist die zunehmende Unterwerfung der FU unter die Bedürfnisse von Staat und Kapital und die zunehmende „Ökonomisierung“. Das drückt sich u.a. dadurch aus, dass die FU wie auch andere Hochschulen schon vor den aktuellen Kürzungen chronisch unterfinanziert war und sich nur durch die immensen Drittmittel über Wasser halten kann. Eine zentrale Aufgabe von Forschenden ist es heutzutage, für Drittmittelprojekte „anschaffen“ zu gehen. Damit entscheiden meist entweder die mit Steuergeldern finanzierte Deutsche Forschungsgemeinschaft oder Stiftungen von großkapitalistischen Unternehmen wie VW, Siemens usw. darüber, was geforscht wird und was nicht. Mit der sog. „Freiheit von Forschung und Lehre“ hat das nicht mehr viel zu tun. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ gilt auch hier. Und das „Brot“ wird in Zukunft von der Rüstungsindustrie und den Vertretern des Kriegskurses kommen.

Und auch die FU selbst wurde und wird zunehmend wie ein kapitalistisches Unternehmen geführt, mit Arbeitsverdichtung, „Flexibilisierung“ und Outsourcing. Die aktuellen Pläne für die Berliner Hochschulbaugesellschaft sind hier nur die neueste Blüte.

Dramatisch sind auch die Veränderungen für die Studierenden, die mit der Einführung der BA- und MA-Studiengänge größeren Stress und Leistungsdruck erfahren, aber keine bessere Ausbildung bekommen. Gleichzeitig müssen sie darum kämpfen, ihren Lebenunterhalt zu finanzieren und eine bezahlbare Bleibe zu finden. In den 80er Jahren war das in Westberlin noch relativ gut zu schaffen, aber jetzt für viele kaum noch möglich, wenn sie nicht Unterstützung von gut genug verdienenden Eltern bekommen.

Die FU war immer wieder Schauplatz studentischer Proteste und politischer Auseinandersetzungen. Wie hast Du die Entwicklung der Studierendenbewegung im Laufe der Jahre erlebt?

Als Student in einem „Orchideenfach“ habe ich früher relativ wenig von studentischen Initiativen mitbekommen. Als Kreuzberger hatte ich mehr zu tun mit der „Bewegung“ vor meiner Haustür wie Hausbesetzungen, Reagan-Besuch und – Parallele zu heute – mit Hochrüstung und Antikriegsbewegung. Mit meiner gewerkschaftlichen und politischen Aktivität seit den 2000er Jahren als Beschäftigter hat sich das geändert, weil mir klar wurde, dass wir als Gewerkschaft nur erfolgreich sein können, wenn alle an der Universität Beschäftigten und Studierenden einen gemeinsamen Kampf führen und uns nicht spalten bzw. gegeneinander ausspielen lassen. Es ist äußerst erfreulich, dass sich Hunderte Studierende in ver.di und GEW organisieren; wir sollten schauen, dass es Tausende werden! Während früher Beschäftigte und Studierende meist in „getrennten Welten“ lebten, haben sich die Verbindungen zwischen studentischen Initiativen und den Beschäftigten in den letzten Jahren deutlich verbessert, zum einen über die gemeinsamen Tarifrunden zu TV-L und TVStud, zum anderen über Themen wie Kürzungen, Krieg und Frieden oder Palästina. Angesichts der Fluktuation unter den Studierenden ist diese Verbindung aber kein Selbstläufer und muss immer wieder neu geknüpft werden.

Die offizielle Selbstdarstellung, wie sie vom FU-Präsidium erfolgt, kokettiert gerne mit einem 68er-Studentenbewegungs-Image – z.B. indem der Weg neben der Holzlaube „Rudi-Dutschke-Weg“ benannt wurde – und kombiniert das mit einer vermeintlichen und scheinheiligen oberflächlichen „Progressivität“ in Gender-, Rassismus- und Antidiskriminierungsfragen. Gleichzeitig beutet man bestimmte Beschäftigte gnadenlos aus, verletzt den Tarifvertrag, enthält ihnen Zuschläge vor und gliedert aus, z.B. Verwaltungsaufgaben, Technik, Reinigung. Was ist diskriminierender, als Beschäftige in prekären Billiglohnverhältnissen zu halten, zumal es sich oft um migrantische handelt? Und so wie man zu Dutschkes Zeit repressiv gegen Sit-ins und Besetzungen vorging, ruft man heute wieder die Polizei auf den Campus, z.B. gegen friedlich gegen Israels Völkermord protestierende Studierende, und überzieht sie mit Hunderten von Anzeigen wegen „Hausfriedensbruch“. Mit dieser Repression soll verhindert werden, dass sich studentische Proteste ausweiten, z.B. gegen die Wiedereinführung eines verpflichtenden Kriegsdienstes („Wehrpflicht“ genannt).

Für mich ist es der Gipfel der scheinheiligen Heuchelei, wenn das FU-Präsidium jährlich am Holocaust-Gedenktag  am ehemaligen „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ in der Ihnestr. Kränze niederlegt und an anderen Tagen die Studierenden, die gegen einen jetzt stattfindenden Genozid protestieren, brutal unterdrückt. Die FU stellt ihre offizielle „strategische Partnerschaft“ mit der Hebrew University of Jerusalem, die sich auf besetztem palästinensischem Gebiet in Ostjerusalem befindet, bis heute nicht in Frage. Der Abbruch der Beziehungen zu russischen Universitäten hingegen konnte im Frühjahr 2022 der FU nicht schnell genug gehen, obwohl diese eine Hochburg der Proteste gegen den Krieg waren.

Übrigens: „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren!“ war einer der Slogans der Studentenbewegung in der 60er Jahren. Nun, die Talare sind out, aber es müffelt immer noch. Es ist immer noch die semifeudale hierarchische Universität, wo die „Ordinarien“ und die Verwaltungsleitungen die Macht haben. In allen gewählten akademischen Gremien hat der Professorenstand die absolute Mehrheit. Soviel zur progressiven, „Antidiskriminierungs“-Fassade.

Auch die Gewerkschaften haben sich in dieser Zeit verändert. Wie bewertest Du ihre Entwicklung und welche Rolle sollten Gewerkschaften heute an einer Universität spielen?

Nun, ich denke nicht, dass die Gewerkschaften sich stark verändert haben, aber die politische Situation hat sich geändert. In den 70er Jahren war die Politisierung der FU definitiv größer und es war für wesentlich mehr Beschäftigte selbstverständlicher, Gewerkschaftsmitglied zu werden und zu bleiben. Das kann man deutlich an der Mitgliederentwicklung feststellen. Die „alten“ Mitglieder waren zwar nicht unbedingt immer die aktivsten, aber die „treuesten“. Die Realität ist, dass besonders die FU eine sehr heterogene Beschäftigtenstruktur hat und auch räumlich sehr zersplittert ist. Durch die dezentralen Strukturen werden oft Fachbereiche, Institute und Arbeitsgruppen in Konkurrenz um Mittel und Personal zueinander gesetzt und gegeneinander ausgespielt. Um Konkurrenz und Spaltung entgegenzuwirken, bedarf es der Selbstorganisation und -aktivierung der Beschäftigten in der Gewerkschaft, und zwar als Kampforganisation für die eigenen gemeinsamen Interessen und nicht als Versicherungsverein.

Das Grundproblem ist, dass die Gewerkschaft in der Hand eines bürokratischen Apparates ist, der ihre Politik kontrolliert und die Basis bestenfalls nur dosiert mobilisieren will, damit man nicht vollkommen unglaubwürdig wird. Meine Gewerkschaft ver.di ist dermaßen kompliziert und bürokratisch durchorganisiert, dass es trotz formal demokratischer Strukturen äußerst schwierig ist, abweichende Positionen zu Gehör zu bringen geschweige denn durchzusetzen. Eine innergewerkschaftliche Diskussion ist über die eigene Struktur, die Vorstandsgremien und die nur alle vier Jahre stattfindenden Konferenzen hinaus kaum möglich. Wir hatten im November 2025 seitens der ver.di-Betriebsgruppe wichtige Beschlüsse gefasst: einen Forderungsvorschlag für die Tarifrunde und friedenspolitische Thesen. Wir wollten diese breit zur Diskussion stellen und haben sie deshalb auf unserem Blog veröffentlicht. Umgehend wurde seitens der Landesfachbereichsleitung die Homepage der Betriebsgruppe abgeschaltet, um das zu verhindern (Details hier). Nach Vorstellung der Leitung dürften wir zwar Beschlüsse fassen, diese aber nur an das jeweils „zuständige“ höhere Gremium weiterleiten, wo diese dann voraussichtlich „beerdigt“ werden. Millionen anderer ver.di-Mitglieder hätten keine Chance gehabt, überhaupt nur Kenntnis von Vorschlägen aus der Organisation zu erhalten. Das entspricht nach meiner Auffassung keineswegs der ver.di-Satzung, ist aber typisch für das Verhalten der Gewerkschaftsbürokratie, die größtenteils im Sumpf der Sozialpartnerschaft und des Burgfriedens steckt und ohnmächtig die Regierungspolitik „kritisch begleitet“. Man bettelt, dass der Sozialstaat nicht komplett abgeräumt wird, will aber keinen echten Kampf führen. Mobilisiert wird nur soviel, dass die Basis bisschen Dampf ablassen kann.

Du warst über viele Jahre in verschiedenen Beschäftigtenvertretungen aktiv. Welche Ämter hast Du übernommen und welche Themen haben Dich dabei besonders geprägt?

Ja, seit 2008 wurde ich regelmäßig auf der ver.di-Liste sowohl in den örtlichen Personalrat Dahlem (PRD) als auch in den Gesamtpersonalrat (GPR) der FU gewählt, war im Vorstand und im Gesamtpersonalrat für mehrere Jahre zuerst stellvertretender Vorsitzender und dann Vorsitzender und war zeitweise freigestellt. Die Arbeit in diesen Gremien war eine wichtige, aber nicht unbedingt angenehme Erfahrung.

Ich musste feststellen, wieviel an der FU im Gegensatz zur Eigendarstellung im Argen liegt, von A wie Arbeitszeit sowie Arbeits- und Gesundheitssschutz bis zu Z wie Zahlung von Zulagen. Der Themenstrauß der Personalräte war entsprechend bunt. Am meisten gingen mir aber die Themen unter die Haut, die direkt die Gesundheit und das Wohl der einzelnen Beschäftigten betrafen wie z.B. schreckliche Unfälle in der Veterinärmedizin, die den Arbeitsbedingungen geschuldet waren. Die Nichtbeachtung von Gesetzen, Verordnungen und Tarifvertrag war in bestimmten Bereichen eher die Regel als die Ausnahme. Heutige Selbstverständlichkeiten wie die umfassende Teilnahme des Personalrats an Begehungen zu Arbeits- und Gesundheitsschutz mussten vor ca. 10 Jahren mühsam erkämpft werden. Ich kann die Prozesse nicht zählen, die die Personalräte wegen Verletzung der Mitbestimmung und anderen Tatbeständen vor dem Verwaltungsgericht führen mussten.

Die Funktion der Personalvertretungen habe ich aber als eine sehr widersprüchliche erlebt. Es wäre sicher falsch, sie links oder besser gesagt rechts liegen zu lassen, da sie eine wichtige Schutzfunktion für die Beschäftigten haben können, von den Dienstplänen bis hin zur Kündigung. Ich musste aber auch die leidvolle Erfahrung machen, dass die vielzitierte „Augenhöhe“ eine Illusion ist, weil den Personalräten (mehr noch als Betriebsräten) die Machtmittel und Ressourcen fehlen, um sich durchzusetzen. Gerichtsprozesse ziehen sich über Jahre hin und sind „Glückssache“.

Historisch betrachtet sind Betriebs- und Personalräte einerseits zwar Ausdruck der Stärke der Arbeiterbewegung in Deutschland, andererseits aber auch Organe der Opferung der eigenen Interessen auf dem Altar der „Sozialpartnerschaft“, indem man sich einem vorgeblichen gemeinsamen Interesse unterordnet. Der Zwang zur „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ kann sehr schnell zur politischen Korrumpierung von frisch gewählten Personalratsmitgliedern führen, die kurz zuvor noch als engagierte Gewerkschaftsmitglieder aufgetreten sind. Das kann durch „Bauchpinselei“ seitens der Leitung erfolgen, aber auch durch Gewährung von Vorteilen. Und wenn das Zuckerbrot nicht wirkt, kommt die Peitsche durch Zermürbungstaktik der Leitung. Leider musste ich diese Mechanismen immer wieder auch bei Mitgliedern unserer Gewerkschaftslisten beobachten, womit diese den eigenen Wahlkampf ad absurdum führten.

Verhindert werden kann dies nur durch eine starke Gewerkschaft im Betrieb, die „ihre“ Leute im Personalrat dahingehend kontrolliert, dass sie das umsetzen, wofür sie angetreten sind. Die Politik der Gewerkschaftsbürokratie zielt allerdings eher darauf ab, „Personalratsfürst*innen“ zu fördern, die umgekehrt die Betriebsgruppe der Gewerkschaft im Sinne der „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ im Betrieb kontrollieren sollen. Ich habe das deutsche Personalratssystem gerne als ein „Programm zur Neutralisierung aktiver Gewerkschafter“ bezeichnet. Meistens kandidieren natürlich auf den vorderen Plätzen der Listen die Aktivsten der Betriebsgruppe, die dann – v.a. wenn sie freigestellt werden – durch die meist stressige Personalratsarbeit aufgerieben werden und nur noch eingeschränkt für gewerkschaftliche Aktivitäten Zeit und Energie haben. Da wir sehr große Personalräte haben (PRD und GPR haben jeweils 21 Mitglieder), ist das ein echtes Problem und es erfordert viel Kraft und nicht zuletzt politisches Bewusstsein, um dem zu widerstehen. Ein unabhängiges Agieren der Betriebsgruppe ist das A und O erfolgreicher Gewerkschaftsarbeit vor Ort.

Viele erinnern sich an die Auseinandersetzungen um die Eingruppierung der Tierärztinnen und Tierärzte im Jahr 2016, in denen Du selbst im Fokus standest. Was war damals der Hintergrund des Konflikts und wie haben sich die Arbeits- und Eingruppierungsbedingungen seitdem entwickelt?

Na, es wäre schön gewesen, wenn es dabei nur um die Eingruppierung von Tierärztinnen und -ärzten in Kleintier- und Pferdeklinik gegangen wäre. Es war viel schlimmer, der reinste Krimi. Die FU ließ damals bereits frisch approbierte Tierärzte und -ärztinnen umsonst schuften, indem sie ihrer Tätigkeit das Etikett „Internship“ (Praktikum) verpasste. Der entsprechende Vertrag las sich aber fast wie ein Arbeitsvertrag mit dem „kleinen“ Fehler, dass es kein Entgelt gab. Da aber auch diese Menschen wohnen und essen mussten, erhielten sie über „ihren“ Prof. ein kleines, willkürlich vergebenes Promotionsstipendium, das sie in feudaler Abhängigkeit hielt. Zusätzlich zu ihrer tagfüllenden Tätigkeit wollte man sie aber auch noch nachts ausbeuten, stellte sie dazu bei der „Betriebsgesellschaft für die Zentraleinrichtung Botanischer Garten und Botanisches Museum (BG BGBM) mbH“ (ein Outsourcing-Unternehmen der FU) ein und entlieh sie dann für Nachtarbeit in den Tierkliniken, zum Leiharbeitstarif. Das flog nur aufgrund eines anonymen Briefes von sog. Interns auf, die unzumutbare Bedingungen bis hin zu 72 Stunden Einsatz am Stück schilderten. Einer weiteren Kollegin des PRD und mir gelang es, bei subversiven Treffen am Wannsee und anderswo das Vertrauen der Kolleginnen zu gewinnen, die große Angst davor hatten, „aufzufliegen“. Zuerst stand für uns monatelange Recherche und „Spionage“ an, die die Arbeitsbedingungen der „Interns“ dokumentierte einschließlich der real ausgehängten Dienstpläne (die Dienstpläne, die der PRD später erhielt, waren reine Phantasieprodukte).

Da es sich de facto um Arbeitsverhältnisse handelte, führte der PRD einen Prozess vor dem Verwaltungsgericht, wo in einem Vergleich bestätigt wurde, dass es sich um Beschäftigte handelt. Leider wurde in dem Vergleich die Eingruppierung nicht thematisiert. Aus dem TV-L ergibt sich aber eindeutig, dass Tierärzte in E14 eingruppiert sind. Das FU-Präsidium verletzte aber auch hier bewusst den Tarifvertrag und wollte ein Entlohnungsmodell mit lächerlich geringen Gehältern durchsetzen, knapp über dem Niveau von SHKs. Leider setzte die damalige Vorsitzende des PRD im Einvernehmen mit der Leitung dieses Entlohnungsmodell gegen den Widerstand einer Minderheit durch. Das als praktisches Beispiel, was ich zur Korrumpierung eben gesagt habe. Es betraf nicht nur die Vorsitzende, sondern auch den einen oder die andere in den „eigenen“ Reihen.

Als ich dann auf der folgenden Personalversammlung 2017 es „wagte“, der Belegschaft mitzuteilen, dass ich im Gegensatz zur Mehrheit des Personalrats für die Einhaltung des Tarifvertrags eintrete, wurde ich kurz darauf für dieses „Verbrechen“ abgestraft, d.h. aus dem Vorstand entfernt und mir wurde die Freistellung entzogen.  Die Solidaritätserklärung der ver.di-Betriebsgruppe FU und anderer Gewerkschaftsgruppen von ver.di und GEW war damals sehr wichtig, nicht nur für mich (s. Personalrat der FU Dahlem schmeißt kritischen Gewerkschafter aus dem Vorstand).

Aber die Geschichte ging weiter. Nachdem 2020 ein neuer ver.di-Personalrat gewählt worden war, verweigerte er anlässlich der Einstellung eines Interns die Zustimmung zu der prekären außertariflichen Entlohnung, was die Dienststellenleitung mit dem Erpressungsmanöver beantwortete, dann keine Tierärzte und -ärztinnen mehr einstellen zu wollen, verbunden mit der Verbreitung der Lüge, der Personalrat würde eine Einstellung verhindern. Ein hartnäckige Kampagne der Betriebsgruppe inklusive Aktionen vor der Kleintierklinik hatte letztlich Erfolg, die Kolleg*innen wurden eingestellt und nach Tarif bezahlt. Das bestätigt, was ich vorhin sagte, nur im Zusammenspiel mit einer aktiven Betriebsgruppe kann ein Personalrat nachhaltige Wirkung entfalten. Entscheidend ist aber auch, die betroffenen Kolleg*innen zu organisieren und zu motivieren, sich zu Wort zu melden, z.B. durch „Offene Briefe“, was wir seitens der Betriebsgruppe aktiv unterstützt haben, z.B. bei den Betriebstechnikern.

Viele Kolleginnen und Kollegen verbinden Deinen Namen auch mit der ver.di-Betriebsgruppe der Freien Universität. Wie hat sich die Betriebsgruppe im Laufe der Jahre entwickelt und welche Erfolge oder Herausforderungen sind Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Wie schon gesagt kann ich das erst für die Zeit ab 2007 beurteilen. Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich seit ca. 2008 bis März 2026, also 18 Jahre, ununterbrochen im Betriebsgruppenvorstand gewesen, dessen Zusammensetzung häufiger wechselte, und ich freue mich, in dieser Zeit doch einige Impulse gegeben haben zu können. Entscheidend war aber immer das Kollektiv, ohne das nichts geht.

Der Rhythmus der Betriebsgruppe war v.a. durch zwei  immer wiederkehrende und auch kräftezehrende Ereignisse bestimmt: Personalratswahlen und Tarifrunden, wobei letztere politisch für die Gewerkschaft am wichtigsten sind, weil sie das Zeitfenster darstellen, in der Mitglieder am besten gewonnen werden können und sich durch die Kampf- und Streikerfahrungen auch das individuelle und kollektive Bewusstsein (weiter-)bildet.

Im Großen und Ganzen war die Betriebsgruppe FU – auch im Vergleich zu anderen Betriebsgruppen an Hochschulen – bei allen konjunkturellen Schwankungen, was die Beteiligung an Mitgliederversammlungen angeht, recht stabil und bei den Tarifkämpfen und Streiks gut dabei – für Hochschulverhältnisse wohlgemerkt.

Und – zumindest in „meiner“ Zeit waren wir immer eine unabhängig denkende und agierende Betriebsgruppe, die bei den Hauptamtlichen regelmäßig zumindest ein Stirnrunzeln erzeugte. Bereits 2015 intervenierten wir (hauptsächlich von außen, da wir nur eine Delegierte hatten) beim ver.di-Bundeskongress mit einem Flugblatt mit Kritik an der „offiziellen“ Politik in den Tarifauseinandersetzungen und dem Einfordern von mehr innergewerkschaftlicher Demokratie („ver.di muss demokratischer, konsequenter und politischer werden, um Arbeitskämpfe zu gewinnen!“).

Ihre Handlungsfähigkeit zeigte die Betriebsgruppe auch 2022 mit ihrer Kampagne zur Hauptstadtzulage, bei der sie mit Unterstützung der Hochschulpersonalräte eine Petition organisierte, deren Unterschriften bei einer von uns organisierten Kundgebung vor dem Abgeordnetenhaus der Senatorin übergeben wurden. Das ein Beispiel dafür, dass wir gelernt haben, die Sachen selber in die Hand zu nehmen und nicht auf Initiativen „von oben“ zu warten – für mich mit einer der größten Erfolge.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist auch – dafür habe ich mich immer eingesetzt – den sozialen Zusammenhalt der Betriebsgruppe durch gemeinsame Feiern im Sommer und zu Weihnachten zu fördern, was insbesondere von den älteren Mitgliedern gut angenommen wurde. Leider hat sich das durch verschiedene widrige Umstände in den letzten Jahren nicht mehr realisieren lassen; ich hoffe, dass das wieder aufleben kann. Einer dieser Umstände war der immense Druck, der auf die BG und insbesondere ihren Vorstand seit 2024 von verschiedenen Seiten ausgeübt wurde, nicht zuletzt durch die Abmahnungen, die das FU-Präsidium den Mitgliedern des Betriebsgruppenvorstands erteilte. Anlass war der Aufruf der Betriebsgruppe zu der großen Anti-AfD-Demo am 3.2.2024, in dem auch die politische Mitverantwortung von Regierung und gewerkschaftsfeindlichen „Arbeitgebern“ problematisiert wurde. Der BG-Vorstand weigerte sich, diese Meldung vom Netz zu nehmen und seine Mitglieder gingen erfolgreich juristisch gegen die Abmahnungen vor.

Der Skandal im Skandal: Während es dem FU-Präsidium fast 2 Jahre lang nicht gelang, den Beitrag der Betriebsgruppe vom Netz zu nehmen, erfüllte die Landesfachbereichsleiterin von ver.di, Jana Seppelt, im November 2025 den Traum der FU-Leitung und nahm mit der von ihr vorgenommenen Abschaltung der Homepage nicht nur den Anti-AfD-Beitrag vom Netz, sondern auch unzählige andere Beiträge, die sich kritisch mit den Zuständen an der FU auseinandersetzten. Damit beeinträchtigte sie die Arbeit der Betriebsgruppe massiv. Meiner Meinung nach hat sie damit gewerkschaftsschädigend gehandelt. Deshalb finde ich es absolut wichtig, dass sich kritische Kolleg*innen innerhalb der Gewerkschaft zusammengefunden haben, um sich als „FU-Beschäftigte für eine kämpferische Gewerkschaft“ [Link] unabhängig zu artikulieren und die Lücke der abgeschalteten Homepage so gut es geht zu füllen.

Du hast zahlreiche Tarifrunden und Streiks begleitet und warst selbst an der Mobilisierung beteiligt. Welche Arbeitskämpfe oder Erlebnisse sind Dir besonders im Gedächtnis geblieben und warum?

In der Tat war ich bei allen TV-L-Tarifrunden seit der Rückkehr Berlins 2013 in den TV-L nach der Tarifflucht des SPD/PDS-Senats dabei.

Da der Gewerkschaftsapparat Tarifrunde für Tarifrunde immer mit dem gleichen Ritual aufwartete – mehr symbolische und zersplitterte Mobilisierung mit vorhersehbarem Ergebnis statt echter Kampf –, steigerte sich die Unzufriedenheit der Aktiven an der FU immer mehr. Bis zur Tarifrunde 2021 erschöpfte sich die Kritik am schlechten Ergebnis in entsprechenden Beschlüssen der Betriebsgruppe. 2023 gingen wir aber in die breitere Gewerkschaftsöffentlichkeit mit einer Petition für die Forderung „1000-Euro-für alle!“, was offensichtlich großen Unmut auf höchster Ebene auslöste. 2025 waren die Gewerkschaftsspitzen aber auf eine ähnliche Initiative unsererseits vorbereitet und antworteten mit der oben erwähnten Repression. Das war politisch eigentlich geradezu kriminell, eine Betriebsgruppe während eines laufenden Tarifkampfs ihres wichtigsten öffentlichen Ausdrucks zu berauben.

Ein prägender Arbeitskampf war der Streik am Botanischen Garten. Welche Bedeutung hatte dieser Konflikt aus Deiner Sicht – sowohl für die Beschäftigten als auch für die Gewerkschaftsarbeit an der FU?

Die Bedeutung des langjährigen Kampfes der Beschäftigten im Botanischen Garten ist nicht zu unterschätzen, weil es ein erfolgreiches Beispiel ist, dass Outsourcing kein unabänderliches „alternativloses“ Schicksal ist, sondern durch konsequente Organisierung und Kampf überwunden werden kann. Ich freue mich, dass ich von Anfang an solidarisch dabei sein und helfen konnte, frühzeitig die Verbindung zwischen den beiden ver.di-Betriebsgruppen herzustellen. Die andere herausragende Bedeutung besteht darin, dass mit den Beschäftigten aus dem Garten Kolleg*innen zu uns gekommen sind, die Kampferfahrungen besitzen, die so in der alten FU-Betriebsgruppe kaum vorhanden waren. Die in meinen Augen geglückte Fusion der beiden vorherigen Betriebsgruppen zu einer war ein Riesenschritt nach vorne.

Die Berliner Hochschulen stehen derzeit unter erheblichem Spardruck. Hast Du vergleichbare Situationen in Deinem Berufsleben erlebt?

Ja, vergleichbare, wenn auch keine gleichen Situationen hatten wir in den Jahren nach dem Fall der Mauer und v.a. nach dem Bankenskandal vor 25 Jahren. Damals gab der Bürgermeister Wowereit die Parole aus „Wir werden sparen, bis es quietscht“. Das waren keine leeren Worte, denn es gab trotz großer Proteste massiven Stellenabbau sowie brutale Kürzungen von Gehalt und Sonderzahlungen. Für untere Entgeltgruppen ging es damit ans Eingemachte.

Und was braucht es aus Deiner Sicht, um wirksam Widerstand gegen solche Kürzungen zu organisieren? Was hat das mit der Frage der Aufrüstung und Militarisierung zu tun, die innerhalb der Gewerkschaften zu heftigen Auseinandersetzungen führt?

Wir werden die drohenden Kürzungen und den Sozialabbau letztlich nur dann zurückschlagen können, wenn wir den Grund der Misere angehen. Das ist der Kriegskurs der Merz/Klingbeil-Regierung, der dazu führt, dass bald jeder dritte Euro in die Herstellung der „Kriegstüchtigkeit“ geht („whatever it takes“) und für Gesundheit, Bildung, Rente etc. „kein Geld da“ ist. Es wird zunehmend lächerlicher, dass die ver.di-Führung krampfhaft versucht, auch nur Wörter wie „Aufrüstung“ etc. überhaupt in den Mund zu nehmen und stattdessen mit „Umfairteilung“ von der Ursache abzulenken versucht. Wo soll das hinführen? Ja zum Krieg, aber bitte die Lasten (und das Blutvergießen) „gerecht“ verteilen? Ebenso lächerlich ist es, wenn jetzt einige vom Gewerkschaftsapparat protegierte Mitglieder anmahnen, die Betriebsgruppe solle sich doch bitte nur um „betriebliche Themen“ kümmern. Wenn unsere Azubis, unsere Studierenden, unsere jungen Beschäftigten vielleicht bald im Schützengraben verbluten sollen, dann geht uns das als Betriebsgruppe sehr wohl etwas an, zumal nur die Arbeiterklasse mit ihren Massenorganisationen überhaupt die soziale Macht hat, den Kriegstreibern in den Arm zu fallen.

Zum Abschluss: Was möchtest Du den Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern sowie den Beschäftigten an der Freien Universität mit auf den Weg geben?

Ich weiß, dass viele frustriert sind, von ihren Arbeitsbedingungen, aber auch von den Gewerkschaften, insbesondere nach dem erneut grottenschlechten Abschluss in der letzten Tarifrunde mit erneutem Reallohnverlust. Manche treten deshalb aus, viele erst gar nicht ein, weil sie sich davon nichts versprechen. Aber das vorhin erwähnte Beispiel des Botanischen Gartens zeigt, dass man auch scheinbar aussichtslose Kämpfe führen und sogar gewinnen kann, wenn man sich gut vorbereitet. Ich appelliere an alle Gewerkschaftsmitglieder, bleibt in der Gewerkschaft, und an alle Beschäftigten: organisiert euch. Bleibt und werdet aktiv im Sinne, wie es die gewerkschaftlichen Vertrauensleute bei Mercedes Benz Untertürkheim formuliert haben:

„Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und verlangen so bald wie möglich, Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft zu organisieren. Bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen sich zieren, dann machen wir das selbst.“

Aber meiner Meinung nach sieht man auch, dass das nicht reicht. Es sind nicht einfach nur schlechte Politiker, die für die Lage verantwortlich sind. Es ist ein schlechtes System, das auf kapitalistischer Ausbeutung, Profitstreben und imperialistischen Krieg basiert. Der französische Sozialist Jean Jaurès sagte kurz vor dem Beginn des 1. Weltkriegs: „Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen“.

Lasst uns also das Übel an der Wurzel packen!